1. Einleitung & Überblick

Diese Studie untersucht die Wirksamkeit von Strategien des Selbstregulierten Lernens (SRL) auf den Erwerb englischer Relativsätze (ERC), mit einem spezifischen Fokus auf die potenzielle vermittelnde Rolle von Lernenden-Identitätsstilen. Grammatik, insbesondere komplexe syntaktische Strukturen wie Relativsätze, ist entscheidend für die Zweitsprachenkompetenz (L2) und kommunikative Fähigkeit. Die Forschung basiert auf den theoretischen Rahmenwerken der Selbstregulation im Lernen (Pintrich, 2004) und der Identitätsentwicklung (Erikson, 1968; Berzonsky, 2005) und postuliert, dass die Art und Weise, wie Lernende ihren Lernprozess steuern und sich selbst wahrnehmen, grammatikalische Lernergebnisse maßgeblich beeinflussen kann.

2. Forschungsmethodik

Zur Untersuchung der postulierten Zusammenhänge wurde ein quasi-experimentelles Design verwendet.

2.1 Teilnehmer & Design

An der Studie nahmen 60 iranische Englischlernende teil (Englisch als Fremdsprache, EFL). Die Teilnehmer wurden zufällig entweder einer Experimentalgruppe (EG) (n=30), die ein Training in SRL-Strategien erhielt, oder einer Kontrollgruppe (KG) (n=30), die konventionellen Unterricht erhielt, zugewiesen. Ein Pretest zu Relativsätzen stellte die anfängliche Homogenität der Gruppen sicher.

2.2 Instrumente & Vorgehensweise

Die Vorgehensweise folgte einer strukturierten Abfolge:

  1. Pretest: Erfassung des Grundwissens über ERC.
  2. SRL-Fragebogen: An alle Teilnehmer zur Erfassung der bereits genutzten Lernstrategien.
  3. Intervention: Die EG erhielt explizites Training zu SRL-Strategien (z.B. Zielsetzung, Selbstbeobachtung, Selbstevaluation), das auf das Grammatiklernen zugeschnitten war.
  4. Identitätsstil-Fragebogen (Berzonsky): An die EG, um die Lernenden in informierte, normative oder diffus-vermeidende Identitätsstile zu kategorisieren.
  5. Posttest: Wiederholte Erfassung des ERC-Wissens nach der Interventionsphase.

Die Datenanalyse erfolgte mittels Kovarianzanalyse (ANCOVA) und einfaktorieller Varianzanalyse (ANOVA).

3. Ergebnisse & Analyse

3.1 Statistische Befunde

Die ANCOVA-Ergebnisse zeigten einen statistisch signifikanten Haupteinfluss der SRL-Strategie-Intervention auf die Posttest-ERC-Werte unter Kontrolle der Pretest-Werte (p < 0,01). Dies deutet darauf hin, dass Lernende in der Experimentalgruppe, die in SRL-Strategien trainiert wurden, beim Erlernen von Relativsätzen besser abschnitten als diejenigen in der Kontrollgruppe.

Umgekehrt zeigten die ANOVA-Testergebnisse, dass keiner der drei Identitätsstile (informiert, normativ, diffus-vermeidend) in diesem spezifischen Kontext einen statistisch signifikanten vermittelnden Effekt auf die Beziehung zwischen SRL-Nutzung und ERC-Erfolg aufwies.

3.2 Interpretation der Effektstärke

Die Effektstärke für die SRL-Intervention wurde als Eta-Quadrat (η²) = 0,83 berechnet. Nach Cohens Konventionen (1988) stellt dies eine große Effektstärke dar, was darauf hindeutet, dass das Wissen und die Anwendung von SRL-Strategien einen erheblichen Anteil der Varianz im Grammatiklernerfolg erklären. Dies ist ein praktisch bedeutsamer Befund für die Pädagogik.

Zusammenfassung der Hauptergebnisse

SRL-Effekt: Signifikant (p < 0,01) | Effektstärke (η²): 0,83 (Groß)

Identitätsvermittlung: Nicht signifikant

4. Diskussion & Schlussfolgerung

Die Studie zeigt eindeutig, dass explizite Instruktion in Strategien des Selbstregulierten Lernens den Erwerb komplexer englischer Grammatik, speziell von Relativsätzen, signifikant verbessert. Die große Effektstärke unterstreicht die pädagogische Wirksamkeit, Lernende mit metakognitiven Werkzeugen auszustatten, um ihr Lernen zu planen, zu überwachen und zu bewerten. Der nicht signifikante Befund bezüglich der Identitätsstile deutet darauf hin, dass in diesem Studienkontext die direkte Anwendung von Lernstrategien eine stärkere und unmittelbarere Auswirkung auf die Leistung hatte als breitere, dispositionelle Identitätsfaktoren. Die Autoren empfehlen, dass EFL-Lehrkräfte, Lehrplanentwickler und Entscheidungsträger SRL-Strategietraining in den Grammatikunterricht integrieren, um die Lernergebnisse zu optimieren.

5. Kernaussage & Kritische Analyse

Kernaussage: Diese Forschung vermittelt eine klare, umsetzbare und wirkungsvolle Botschaft: Lernenden beizubringen, wie man Grammatik lernt, ist für den Erwerb spezifischer syntaktischer Strukturen unmittelbar wirkungsvoller, als sich mit ihrem breiteren psychologischen Identitätsstil auseinanderzusetzen. Der direkte Effekt von SRL-Strategien ist robust und eindeutig.

Logischer Ablauf & eine kritische Lücke: Die Logik der Studie – Intervention mit SRL, Messung des Ergebnisses, Prüfung, ob der Identitätsstil die Varianz erklärt – ist schlüssig. Der Sprung von einem nicht signifikanten Mediationsergebnis zur Herabstufung der Rolle der Identität ist jedoch möglicherweise voreilig. Wie in wegweisenden Arbeiten zur Sprachlerneridentität von Norton und Toohey (2001) festgestellt, ist Identität kein statischer Mediator, sondern eine dynamische, kontextuell konstruierte Kraft, die den Zugang zu Lerngelegenheiten und die Auseinandersetzung mit Strategien ermöglichen oder einschränken kann. Das Studiendesign behandelt Identität als einen festen, vorbestehenden Filter und verpasst möglicherweise, wie der Akt der erfolgreichen Anwendung von SRL-Strategien selbst die Identität eines Lernenden als kompetenten Sprachbenutzer umgestalten könnte – ein Prozess, der in Dörnyeis (2009) L2 Motivational Self System hervorgehoben wird. Das Null-Ergebnis könnte ein Mess- oder Modellierungsproblem widerspiegeln, nicht die Irrelevanz der Identität.

Stärken & Schwächen: Die Stärke der Studie liegt in ihrem sauberen experimentellen Design, der klaren Operationalisierung von SRL und einer großen, bedeutsamen Effektstärke, die direkt die Praxis informiert – eine Seltenheit in der Angewandten Linguistik. Die Schwäche, wie argumentiert, ist eine etwas reduktionistische Sicht auf Identität. Verglichen mit einem Durchbruch in der KI wie CycleGAN (Zhu et al., 2017), die lernt, zwischen Domänen ohne gepaarte Beispiele zu übersetzen, "übersetzt" diese Studie erfolgreich SRL-Training in Grammatikgewinne. Doch wie frühe KI, die den Kontext ignorierte, übersieht sie möglicherweise die "Domäne" des sozial-psychologischen Ökosystems des Lernenden, in dem Identität wirkt.

Umsetzbare Erkenntnisse: Für Praktiker: Setzen Sie sofort SRL-Strategietraining für Grammatik um. Es funktioniert. Für Forscher: Verwerfen Sie die Identität nicht. Entwerfen Sie stattdessen längsschnittliche, qualitative oder komplexe dynamische Systemstudien, um zu untersuchen, wie SRL-Strategienutzung und grammatikalischer Erfolg mit der Lernendenidentität koevolvieren und diese im Laufe der Zeit aktiv formen. Nutzen Sie Methoden aus dem transdisziplinären Rahmen der Douglas Fir Group (2016), um die mehrschichtigen Einflüsse zu erfassen.

6. Technischer Rahmen & Mathematisches Modell

Die Kernanalyse kann durch ein Mediationsmodell dargestellt werden, das mittels ANCOVA und ANOVA getestet wurde. Das primäre ANCOVA-Modell zur Bewertung des SRL-Interventionseffekts lautet:

$Y_{post, i} = \beta_0 + \beta_1 (Group_i) + \beta_2 (Y_{pre, i}) + \epsilon_i$

Wobei $Y_{post}$ der Posttest-Wert ist, $Group$ eine Dummy-Variable (0=Kontrolle, 1=Experimentell), $Y_{pre}$ der Pretest-Wert (Kovariate) und $\epsilon$ der Fehlerterm ist. Ein signifikantes $\beta_1$ zeigt den Behandlungseffekt an.

Die Mediationsanalyse für den Identitätsstil (M) auf dem Pfad zwischen SRL (X) und ERC (Y) folgt der Logik von Baron & Kenny (1986), getestet über separate ANOVAs/Regressionen innerhalb der Experimentalgruppe:

  1. Pfad a: Effekt von X auf M. (Wurde der Identitätsstil durch die Zugehörigkeit zur SRL-Gruppe beeinflusst? Hier nicht direkt getestet).
  2. Pfad b: Effekt von M auf Y unter Kontrolle von X. Getestet via ANOVA der Posttest-Werte mit Identitätsstil als Faktor.
  3. Das nicht signifikante Ergebnis für Pfad b führte zur Schlussfolgerung, dass keine Vermittlung vorliegt.

Die Effektstärke, Partielles Eta-Quadrat ($\eta_p^2$), wird für den gegebenen Effekt in der ANCOVA berechnet als: $\eta_p^2 = \frac{SS_{effect}}{SS_{effect} + SS_{error}}$.

7. Experimentelle Ergebnisse & Visualisierung

Die Hauptergebnisse können durch zwei primäre Diagramme visualisiert werden:

Diagramm 1: Vergleich von Pre-test- und Post-test-Werten (EG vs. KG)
Ein gruppiertes Balkendiagramm, das die Mittelwerte beider Gruppen im Pre-test und Post-test zeigt. Die Balken für die Experimentalgruppe im Post-test wären deutlich höher als alle anderen und demonstrieren visuell den großen Behandlungseffekt. Der Post-test-Balken der Kontrollgruppe würde nur ein marginales Wachstum gegenüber ihrem Pre-test zeigen.

Diagramm 2: Post-test-Werte nach Identitätsstil (nur Experimentalgruppe)
Ein Balkendiagramm, das den mittleren Post-test-Wert für Lernende zeigt, die innerhalb der EG in informierte, normative und diffus-vermeidende Identitätsstile kategorisiert wurden. Die Balken würden wahrscheinlich geringe, nicht signifikante Höhenunterschiede zeigen und visuell das ANOVA-Ergebnis bestätigen, dass der Identitätsstil in dieser Stichprobe nach der SRL-Intervention nicht systematisch mit dem Ergebnis zusammenhängt.

Interpretation: Die visuelle Darstellung ist eindeutig: Die SRL-„Behandlung“ hebt die gesamte EG an und erzeugt einen deutlichen Unterschied zwischen den Gruppen. Innerhalb dieser angehobenen EG schafft der Identitätsstil keine weitere klare Leistungsschichtung.

8. Analyse-Rahmen: Fallbeispiel

Szenario: Eine EFL-Lehrerin, Frau Chen, möchte diese Forschung in ihrer Mittelstufenklasse anwenden, die mit Adjektivsätzen kämpft.

Anwendung des Rahmens:

  1. Diagnose (Pre-test): Frau Chen führt einen kurzen Diagnosetest zu Adjektivsätzen durch, um eine Basislinie zu erstellen.
  2. Strategie-Werkzeugkasten (Intervention): Anstatt nur Grammatikregeln zu erklären, widmet sie 15 Minuten pro Unterrichtsstunde über 2 Wochen dem SRL-Strategietraining:
    • Planung: „Bis Ende dieser Woche werde ich in 5 Übungssätzen das modifizierte Nomen identifizieren können.“
    • Überwachung: Selbstbefragung lehren: „Habe ich 'who' für Personen und 'which' für Dinge verwendet?“ „Braucht dieser Satz ein Subjektpronomen?“
    • Evaluation: Verwendung einer einfachen Checkliste für Peer-Review-Übungen: „1. Richtiges Relativpronomen? 2. Satz korrekt platziert? 3. Bedeutung klar?“
  3. Geführte Praxis: Die Schüler bearbeiten Übungen und „denken laut“ über ihre Strategienutzung nach.
  4. Bewertung & Reflexion (Post-test): Ein neuer Adjektivsatz-Test wird durchgeführt. Frau Chen bittet die Schüler auch, eine kurze Reflexion darüber zu schreiben, welche Strategie am meisten geholfen hat, und verbindet so Leistung mit Prozess.

Erwartetes Ergebnis: Gemäß den Studienergebnissen kann Frau Chen eine signifikante allgemeine Verbesserung der Genauigkeit der Klasse bei Adjektivsätzen erwarten, wobei die Gewinne hauptsächlich auf den bereitgestellten strategischen Werkzeugkasten zurückzuführen sind, anstatt zu versuchen, für diese spezifische Fertigkeit verschiedene Schüleridentitätstypen zu profilieren und zu bedienen.

9. Zukünftige Anwendungen & Forschungsrichtungen

  • Technologiegestütztes SRL: Entwicklung adaptiver Lern-Apps (ähnlich Plattformen wie Duolingo, aber strategiefokussiert), die Planung, Überwachung und Evaluation für Grammatikpunkte unterstützen. Diese könnten Algorithmen nutzen, um die Strategienutzung zu optimalen Zeitpunkten anzuregen.
  • Mikro-Längsschnittstudien: Nutzung von Experience Sampling Methods (ESM) oder Learning Analytics Dashboards, um die Schwankung der SRL-Strategienutzung, momentane Identitätswahrnehmungen (z.B. „Ich fühle mich gerade als kompetenter Lerner“) und den Erfolg auf Mikroebene bei Grammatikübungen über Tage oder Wochen zu verfolgen und so Dynamiken zu erfassen, die in Pre-Post-Designs übersehen werden.
  • Sprachübergreifende Verallgemeinerung: Testen, ob der starke Effekt von SRL auf ERC auch für das Erlernen anderer komplexer grammatikalischer Strukturen (z.B. Konjunktiv, Passiv) im Englischen oder in anderen Sprachen mit unterschiedlichen syntaktischen Eigenschaften gilt.
  • Integration mit Motivationstheorien: Zusammenführung von SRL-Training mit Interventionen aus der Selbstbestimmungstheorie (Autonomie, Kompetenz, Verbundenheit) oder dem L2 Motivational Self System, um ein ganzheitlicheres „Lernen zu lernen“-Paket zu schaffen, das Identität auf messbare Weise indirekt beeinflussen könnte.
  • Lehrerfortbildungsmodule: Entwicklung von beruflichen Entwicklungsressourcen auf Basis der Evidenz dieser Studie, um Lehrkräften zu helfen, metakognitive Strategieinstruktion effektiv in Standard-Grammatiklehrpläne zu integrieren.

10. Literaturverzeichnis

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  • Cohen, J. (1988). Statistical power analysis for the behavioral sciences (2nd ed.). Lawrence Erlbaum Associates.
  • The Douglas Fir Group. (2016). A transdisciplinary framework for SLA in a multilingual world. Modern Language Journal, 100(S1), 19-47.
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